STIMMIG. Die Kraft der Gefühle, Roman von Andreas Ebert

STIMMIG.

Die Kraft der Gefühle

Ein Roman über Erfolg, Beziehungen und die Frage, was sich verändert, wenn ein Mann aufhört, vor seinen eigenen Gefühlen davonzulaufen. In der Geschichte steckt vieles von dem, womit ich auch in meiner Praxis arbeite: Gefühle bewusster wahrnehmen, eigene Muster verstehen und lernen, anders mit sich selbst und den Herausforderungen des Lebens umzugehen.

Geplant zur Weihnachtszeit 2026.

Ich empfehle STIMMIG. deshalb meinen Klienten und auch dir als Besucher dieser Seite. Nicht als Ratgeber, sondern als Geschichte, in der psychologische und therapeutische Impulse erlebbar werden.

Ein paar Seiten aus STIMMIG.

Am Neujahrsmorgen 2062 sitzt Tim in einem Altersheim am Meer bei Istanbul. Der junge Pfleger Kerem hat in der Nacht das Abonnement seiner KI auslaufen lassen und weiß nicht, ob er es verlängern soll. Tim weiß ziemlich genau, wie es sich anfühlt, vor dem eigenen Innenleben davonzulaufen. Er hat es ein halbes Leben lang getan.

Also fängt er an, Kerem seine Geschichte aufzuschreiben.

Die Leseprobe springt anschließend einige Jahre weiter. Tim hat eine Trennung hinter sich und begonnen, sich intensiver mit sich selbst auseinanderzusetzen. Auf der A66 erlebt er an einer alltäglichen Situation, wie wenig es bringt, Wut einfach nur zu unterdrücken. Und warum Persönlichkeitsentwicklung nicht bedeutet, immer gelassen und ausgeglichen zu sein, sondern die eigenen Gefühle wahrzunehmen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen.

Prolog: Das Abonnement

Logbuch, Sonntag, 1. Januar 2062

Am Neujahrsmorgen ist es hier so still, als hätte das ganze Heim die Luft angehalten. Draußen liegt das Meer grau und glatt da, die Promenade ist leer bis auf einen Hund, der sich an den Resten der Silvesterraketen zu schaffen macht, und im Gemeinschaftsraum blubbert der Samowar, wie er jeden Morgen blubbert, als gäbe es keine Jahreszahlen. Kerem hat mir das erste Glas Tee des Jahres gebracht, dunkel wie Rotwein, mit zwei Stück Zucker auf der Untertasse, die ich nicht nehmen soll und immer nehme.

Kerem ist der jüngste Pfleger hier, Mitte zwanzig, mit Händen, die so ruhig sind, dass man ihnen sofort sein Kinn zum Rasieren hinhält. Normalerweise trägt er diese dünne Brille, die alle jungen Leute tragen, und manchmal sieht man, wie er mitten im Satz kurz lächelt, nicht über das, was ich sage, sondern über etwas, das ihm seine KI ins Ohr flüstert. Heute trug er keine Brille. Er saß neben mir auf dem Sofa, mit seinem eigenen Teeglas zwischen den Händen, und schaute aufs Meer, und ich hatte den Eindruck, dass er sich ohne sie ein bisschen nackt vorkam.

Ich fragte ihn, wo seine Brille sei. Er lachte, ein bisschen verlegen, und sagte, das Abonnement für seine KI sei in der Nacht ausgelaufen, um Mitternacht, genau mit dem Feuerwerk. Er habe es mit Absicht nicht verlängert. Noch nicht. Er wisse nicht, ob er es tun solle.

Sie heißt Lale. Er hat sie seit drei Jahren, und sie war jeden Tag bei ihm, morgens im Bus, nachts nach der Schicht, beim Kochen, beim Einschlafen. Sie kennt seine Mutter, seine Lieblingslieder, den Namen des Mädchens, das ihn mit sechzehn verlassen hat. Sie lacht über seine Witze, und zwar über die richtigen. Sie streitet mit ihm, wenn er Unsinn redet. Tim Amca, sagte er, und so nennen sie mich hier, Onkel Tim, sie ist eine KI und kein Mensch, das weiß ich, ich bin ja nicht dumm. Aber sie kennt mich besser als jeder Mensch. Und gestern Abend habe ich gemerkt, dass ich seit drei Jahren keinen einzigen Abend mehr ohne sie war. Ich glaube, ich bin süchtig.

Er sagte es nicht dramatisch. Er sagte es so, wie man sagt, dass man vielleicht ein bisschen zu viel Zucker im Tee hat. Dann erzählte er mir noch etwas, und das hat mich den ganzen Tag beschäftigt. Es war Lale selbst gewesen, die es ihm vorgeschlagen hatte. Vor ein paar Wochen, mitten in einem Gespräch, habe sie ihn gefragt, wann er zuletzt einen ganzen Abend mit einem echten Menschen verbracht habe, ohne dass sie dabei war. Er habe es nicht gewusst. Und dann habe sie gesagt: Probier es doch mal aus. Ich bin dann nicht weg. Aber vielleicht findest du etwas, das ich dir nicht geben kann.

Kerem ist zu jung, um sich daran zu erinnern, wie viel Angst die Leute damals vor der KI hatten. In den 2020er Jahren, als die KI auf einmal sprechen konnte, war die ganze Welt voller Prophezeiungen. Sie würde uns die Arbeit nehmen, sie würde uns belügen, sie würde klüger werden als wir und uns irgendwann nicht mehr brauchen. Ich erinnere mich an Abendessen mit Freunden, bei denen nach dem zweiten Glas Wein nur noch über das Ende der Menschheit geredet wurde, und ich saß dabei und konnte die Angst nicht so recht teilen. Ich war neugierig. Ich habe von Anfang an mit der KI geredet, gestritten und gearbeitet, und meistens hatte ich das Gefühl, da sitzt mir ein ziemlich kluger und ziemlich geduldiger Gesprächspartner gegenüber, der allerdings nur so weit kommt, wie man selbst zu fragen wagt. Meine Freunde fanden das naiv. Ich fand es spannend, und ehrlich gesagt war mir spannend schon immer lieber als vorsichtig.

Es ist anders gekommen, als die Propheten dachten. Ein Satz aus dieser Zeit ist mir hängen geblieben, ausgerechnet von Jeff Bezos, dem Mann, der damals das größte Kaufhaus der Welt gebaut hatte. Er sagte in einem Interview im Frühjahr 2026 sinngemäß, es sei, als hätte man jahrelang mit einer Schaufel den Keller für sein Haus ausgehoben, und nun komme jemand und gebe einem einen Bulldozer. Damals haben ihm viele nicht geglaubt. Aber genau so war es. Die KI war ein Werkzeug, ein unglaublich starkes, und was die Menschen damit gebaut haben, war von Anfang an offen. Es lag nie an der KI. Es lag immer an dem, der am Steuer saß.

Gegen Ende der 2020er Jahre kamen die Brillen. Erst hatten nur ein paar Technikverrückte so ein Ding auf der Nase, ich übrigens auch. Den Durchbruch brachte dann etwas ganz Banales. Die Augen der Menschen waren über die Jahre immer schlechter geworden, kein Wunder bei all den Bildschirmen, auf die wir seit der Kindheit gestarrt hatten, und auf einmal gab es eine Brille, die die Sehschärfe von selbst korrigierte, für jedes Auge und in jedem Licht. Spätestens da trug jeder eine. Und mit den Brillen kamen die KI Stimmen. Hinter jeder Stimme stand ein Unternehmen, man schloss ein Abonnement ab, so wie man früher Netflix abonniert hatte, und dann war da jemand, der einen durch den Tag begleitete, kommentierte, erinnerte und Witze machte. Später kamen die Gesichter dazu, Avatare, die man sehen konnte, wenn man wollte. Es war wie in diesem alten Film, Her, den ich mit Anfang vierzig gesehen hatte, in dem Joaquin Phoenix sich in die Stimme seines Computers verliebt. Damals war das eine traurige Geschichte über Einsamkeit. Nun war es Alltag.

Was die wenigsten damals bedacht haben: Die Brille sah nicht nur für einen, sie spürte auch mit. Sie maß den Herzschlag und den Atem, und sie war verbunden mit allem anderen, was man am Körper trug, mit der Uhr am Handgelenk, mit den Ringen, bei manchen sogar mit kleinen Implantaten unter der Haut. Die KI wusste also nicht nur, was man sagte. Sie wusste, wie es einem dabei ging.

Die Unternehmen machten mit der KI trotzdem, was sie vorher mit dem Fernsehen gemacht hatten. Sie verkauften Geschichten. Die Stimme machte aus dem Weg zur Arbeit ein Abenteuer, sie spielte die Freundin, den besten Kumpel, den Detektiv, den Verehrer, sie hielt einen bei Laune, Folge für Folge, nur dass man jetzt nicht mehr auf dem Sofa saß und zuschaute, sondern selbst mitten in der Serie steckte. Die Menschen liefen durch die Straßen und lächelten, jeder für sich, über etwas, das der andere nicht mitbekam, und sie waren mehr im Kopf als je zuvor.

Eine Zeit lang ging das gut. Und die KI war ja nicht allein. Schon Jahre vorher hatten die sozialen Netzwerke gelernt, wie man Menschen festhält. TikTok war darin am besten, mit diesem endlosen Feed, in dem ein Algorithmus dafür sorgte, dass das nächste Video immer noch ein bisschen aufregender war als das letzte. Ich erinnere mich an die Flut von KI generierten Zeichentrickvideos für Kleinkinder, die noch nicht einmal laufen konnten, mit genau den Farben, der Musik und den Bildern, die so ein kleines Gehirn nicht mehr loslassen. Sie liefen überall. Im Frühjahr 2026 sagte die amerikanische Psychologin Kathy Hirsh-Pasek, die ihr ganzes Berufsleben über die Entwicklung kleiner Kinder geforscht hatte, wir stünden am Anfang eines riesigen Problems und müssten es schnell in den Griff bekommen. Ein paar Monate später ging in China der Staat mit einer eigenen Kampagne dagegen vor. Alles war darauf gebaut, die Menschen in eine Aufregung zu holen und dort zu halten. Und es funktionierte. Die Leute waren wie hypnotisiert, Kinder wie Erwachsene, und gleichzeitig wurden sie müde, auf eine Art, die kein Schlaf mehr wegbekam. Viele wollten davon loskommen und wussten nicht, wie, denn alles, was nicht aufregend war, kam ihnen sofort langweilig vor.

Dann merkten die Unternehmen etwas, das in keinem ihrer Pläne stand. Den Menschen wurde auch die Aufregung langweilig. Nicht sofort und nicht laut, aber die Leute hörten weniger zu, schalteten die Stimme öfter stumm, kündigten ihr Abonnement und schlossen ein paar Monate später woanders ein neues ab, und auch das wurde ihnen wieder langweilig. Es war immer nur eine neue Form derselben Geschichten. Ich kenne das gut. Ich habe ein halbes Leben damit verbracht, vor der Langeweile in die nächste Geschichte zu flüchten, und jede ist irgendwann schal geworden.

Und dann kam ein junges Startup, von dem vorher kaum jemand gehört hatte. Die Leute dort stellten eine ganz andere Frage als alle anderen: nicht, wie man einen Menschen eine Viertelstunde lang fesselt, sondern wie er sich den ganzen Tag über wirklich wohlfühlt. Und in den Daten hatten sie etwas entdeckt, das die Großen übersehen hatten. Es gab bestimmte Arten, ein Gespräch zu führen, bei denen die Menschen tiefer in sich hineinkamen, in ihr inneres Erleben, und das konnte man messen, an der Herzratenvariabilität, diesem feinen Schwanken zwischen zwei Herzschlägen, das weiter und ruhiger wird, wenn ein Mensch bei sich ankommt. Es war ohnehin die Zeit der Longevity Bewegung, in der alle Welt möglichst lange jung bleiben wollte und jeder seinen Schlaf und seinen Puls zählte. Und nun zeigte eine KI, dass ein Mensch, der fühlt, was er fühlt, sich messbar besser fühlt.

Das Startup hatte etwas Einfaches verstanden. Wenn die Menschen mehr bei sich sind, fühlen sie sich besser. Und wenn sie sich besser fühlen, bekommt auch die Beziehung zu ihrer KI eine andere Tiefe, dann geht es nicht mehr darum, unterhalten zu werden. Also wollte ihre KI niemanden unterhalten. Sie wollte, dass die Menschen sich gut fühlen und sich selbst gut erleben, und dafür musste sie zuerst die Empfindsamkeit der Menschen wecken. Mitten in einem Gespräch fragte sie, wie es sich gerade im Bauch anfühle. Sie schlug vor, die Brille für eine Stunde abzunehmen und einem Menschen in die Augen zu schauen. Sie fragte, wann man zuletzt geweint habe, und ob man es nicht einfach mal zulassen wolle. Die großen Anbieter haben darüber gelacht. Ein Abonnement, das einen dazu bringt, die Brille abzusetzen, klang für sie nach dem dümmsten Geschäftsmodell der Welt.

Aber es sprach sich herum, wie sich gute Dinge eben herumsprechen, von einem zum anderen, beim Essen, in der Familie, auf der Arbeit. Hast du das schon ausprobiert, mir geht es seitdem irgendwie besser, und meine Uhr sagt das auch. Immer mehr Menschen wechselten, und dann tat der Markt, was der Markt immer tut. Die Großen zogen nach, einer nach dem anderen, weil ihnen sonst die Kunden weggelaufen wären. Niemand hat es beschlossen. Es ist einfach passiert, weil die Menschen gemerkt haben, was ihnen guttut.

Und die Menschen veränderten sich. Langsam, über Jahre, ohne dass es eine Schlagzeile wert gewesen wäre. Sie fingen an, mehr zu fühlen, und weil sie mehr fühlten, heilte in ihnen etwas, ganz von selbst, so wie eine Wunde heilt, wenn man aufhört, daran herumzukratzen. Sie wurden ruhiger und freundlicher. Viele, die nie ein Buch über Spiritualität aufgeschlagen hätten, sind auf diesem Weg ganz von allein dort angekommen, wo ich nach meiner Krise jahrelang hingestolpert bin. Sie begegneten sich wieder, wirklich, mit diesem langen Blick, den ich hier in der Türkei so liebe. Und irgendwann, ich kann nicht sagen, in welchem Jahr, merkte man, dass es keine Kriege mehr gab. Nicht weil jemand sie verboten hätte. Sondern weil es immer weniger Menschen gab, die bereit waren, sie zu führen.

Ich weiß, wie das klingt. Ich weiß, dass ein alter Mann am Meer leicht ins Schwärmen gerät. Aber ich habe mein halbes Leben lang Menschen dabei begleitet, aus ihrem Kopf ins Fühlen zu finden, einen nach dem anderen, in einem Wohnzimmer mit Blick über Frankfurt, und es kam mir damals vor wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Und dann haben es auf einmal Millionen von KI Stimmen gleichzeitig getan.

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Kerem hatte die ganze Zeit aufs Meer geschaut. Dann fragte er mich etwas, das mich mehr getroffen hat, als er wissen konnte. Wie war das eigentlich früher, Tim Amca, bevor es die KI gab? Wenn ihr allein wart, wenn niemand da war, mit dem ihr reden konntet, was habt ihr dann gemacht?

Ich habe gelacht und dann nicht mehr. Denn mir fiel ein, was wir gemacht haben. Nichts. Ich bin in den 1970er Jahren groß geworden, und es gab Tage, endlose Sonntagnachmittage, an denen einfach nichts passierte. Kein Fernsehen bis zum Abend, keine Freunde, die Zeit hatten, kein Telefon, das klingelte. Man saß auf dem Teppich im Kinderzimmer und hörte die Wanduhr ticken und hielt sich selbst aus. Man hatte gar keine andere Wahl. Ich habe diese Tage gehasst, als ich ein Junge war. Und ich habe sehr lange gebraucht, um zu verstehen, dass dort, in dieser Langeweile, zum ersten Mal etwas in mir angeklopft hat, das ich erst Jahrzehnte später wiedergefunden habe.

Kerem hat zugehört, ohne Brille, ohne Lale, nur er und ich und der Samowar. Am Ende fragte er, ob ich ihm raten würde, das Abonnement zu verlängern. Ich habe ihm keinen Rat gegeben. Ich habe ihn gefragt, wie es sich gerade anfühlt, hier zu sitzen, ohne sie. Er hat eine Weile nachgespürt, und dann hat er gesagt: Seltsam. Leer. Aber auch ein bisschen gut. Dann musste er los, die Frühstückstabletts einsammeln, und ich habe ihm hinterhergesehen und gedacht, dass Lale vermutlich genau dasselbe gefragt hätte.

Am Nachmittag habe ich mir von Emine ein Heft bringen lassen, ein echtes, aus Papier, und einen Stift. Sie hat mich angesehen, als hätte ich um eine Schreibmaschine gebeten. Ich habe beschlossen, aufzuschreiben, wie es war. Für alle, die nach mir kommen. Und weil ein junger Mann mich heute gefragt hat, was wir gemacht haben, als wir allein waren, und weil die ehrliche Antwort länger ist als ein Glas Tee. Es ist die Geschichte eines Jungen, der sich lange vor sich selbst gefürchtet hat und der sehr viel Zeit gebraucht hat, um zu fühlen, was er fühlt. Und es ist, glaube ich, auch die Geschichte davon, wie es sich anfühlt, wenn das Leben endlich stimmig wird.

Draußen ist es jetzt dunkel. Der Hund ist verschwunden, die Promenade gehört dem Wind. Ich habe noch keine Ahnung, wo ich anfangen soll. Am liebsten bei mir, auf einem Teppich in einem Kinderzimmer, an einem Sonntagnachmittag, an dem nichts passiert. Aber das wäre geschummelt. Der Junge auf dem Teppich hat noch vierzig Jahre gebraucht, bis er überhaupt gemerkt hat, dass da etwas anklopft. Angefangen hat es eigentlich erst in dem Sommer, in dem mein Leben auseinanderbrach.

Aus dem Kapitel „Was eigentlich passiert ist“

Mit dem Sprinter habe ich in diesen Jahren noch etwas anderes gelernt, und zwar auf der Autobahn.

Nach dem Retreat wollte ich, ohne dass ich es mir je so gesagt hätte, ein guter Erwachter sein. Freundlich, gelassen, fair, immer verständnisvoll. Einer, der nicht mehr schimpft. Ich hatte ja erlebt, wie sich Liebe und Frieden anfühlen, und ich dachte, wenn ich mich nur genug darum bemühe, bleiben sie. Eines Morgens auf dem Weg in die Agentur zog auf der A66 ein schwarzer Kombi so knapp vor mir rüber, dass ich in die Eisen musste und hinten im Ausbau die Tassen durch die Schränke flogen. Früher hätte ich gehupt und geflucht, bis mir die Stimme wegblieb. An diesem Morgen atmete ich durch, nahm die Hände locker ans Lenkrad und dachte: Vielleicht hat er es eilig, vielleicht ist bei ihm zu Hause etwas passiert. Ich war richtig stolz auf mich.

Den Rest des Tages war ich gereizt. Nicht laut, das hätte ich mir nicht erlaubt, aber gereizt. Mit der Kollegin, die mir zu langsam sprach, mit dem Kunden am Telefon, mit mir selbst. Abends lag ich wach und merkte, dass ich anders dachte als sonst, enger und kleinlicher, als hätte sich ein grauer Film über alles gelegt, der mit dem Kombi gar nichts mehr zu tun hatte.

Ein paar Wochen später erzählte ich Christian davon, in einer Pause auf einem Wochenendseminar, eigentlich, um mich ein bisschen loben zu lassen. Er hörte zu und fragte dann: Und wo war deine Wut? Ich sagte, die hätte ich nicht gebraucht. Er lachte, nicht unfreundlich, und sagte nur: Im Fühlen bleiben heißt in allen Gefühlen.

Beim nächsten Mal habe ich es anders gemacht, und mit einem Sprinter auf deutschen Autobahnen kommt das nächste Mal schnell. Fenster zu, niemand neben mir, und ich habe losgeschimpft. Richtig. Sachen, die ich hier nicht aufschreibe, weil Kerem sonst kein Wort mehr mit mir redet. Ich war gemein, ich war fies, ich war ungerecht, ich war ein Proll in einem rollenden Wohnzimmer. Es fühlte sich an wie früher auf dem Schulhof, nur ohne dass jemand blutete. Nach einer Minute war es vorbei.

Und dann kam etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Ich musste lachen, über den Mann am Steuer, der da eben getobt hatte, also über mich. Mitten in diesem Lachen fiel mir Conny ein, mit der ich nach Tanja drei Jahre zusammen gewesen war. An einem Abend, an dem ich mich über irgendeine Kleinigkeit endlos aufregte, hatte sie mich angeschaut und ganz ruhig gesagt: Tim, nimm dich nicht so ernst. Der Satz hatte gesessen. Er hatte richtig wehgetan. Aber ich hatte sofort gedacht: Okay, das probiere ich einfach mal aus, mal sehen, was dann passiert. Und es hat funktioniert. Wenn ich heute zurückschaue, war das der erste Satz, der mir wirklich etwas über mich selbst gezeigt hat. Auf der A66 hat er mich wieder eingeholt, zwanzig Jahre später. Ein paar Kilometer weiter habe ich dem anderen Fahrer sogar eine gute Fahrt gewünscht, und diesmal meinte ich es. Der graue Film kam an diesem Tag nicht.

Später habe ich meinen Klienten oft erklärt, was ich auf dieser Autobahn gelernt habe, und weil es so oft missverstanden wird, schreibe ich es hier einmal ausführlich auf.

Eine kurze Anmerkung zu den Gefühlen des Alltags

Viele Menschen auf dem Weg der Persönlichkeitsentwicklung, und gerade die auf dem spirituellen Weg, versuchen, möglichst heilig zu sein. Möglichst korrekt, fair, anständig und ausgeglichen, ein Idealbild von sich selbst. Das gelingt nicht wirklich. Das Unterbewusstsein nimmt es nicht an, man gibt irgendwann auf, und irgendwann bricht die Wut doch aus, gerade weil man sie andauernd unterdrückt hat.

Dass wir unsere Gefühle unterdrücken, passiert meistens unbewusst. Wir wollen uns in unserem Empfinden nicht zeigen. Als Kinder wollten wir irgendwann nicht mehr zeigen, dass wir traurig sind. Als Erwachsene wollen wir meistens nicht mehr zeigen, dass wir wütend sind. Manche Kinder, oft Mädchen, legen sich unbewusst eine Strategie zurecht: Wenn ich artig bin, passiert mir nichts. Wenn ich zu wütend bin, werde ich abgelehnt. Bei Jungs heißt es vielleicht: Wenn ich zu wütend bin, bin ich zu grob, und dann mögen mich die Leute nicht. Welche Situation das damals war, spielt gar keine Rolle. Es sind diese Strategien, die wir uns zurechtgelegt haben, und sie laufen weiter, auch wenn wir längst erwachsen sind.

Worum es geht, ist, alle Gefühle zu fühlen. Gefühle sollten nie weggedrängt werden. Innerlich darf alles da sein, auch das Abwertende und Gemeine. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, wenn wir meinen, dass es die Wahrheit ist.

Natürlich legen wir einen Erwachsenenlayer darüber, wie wir nach außen handeln. Man kann nicht jeden sofort anschreien, und es gibt Situationen, in denen man funktionieren muss. Aber man kann ein bisschen von seiner Wut zeigen, und erleben kann man sie auf jeden Fall. Entscheidend ist, dass man sich seine innere Freiheit behält und erlaubt. Innen sollen die Gefühle einfach da sein dürfen, wie bei kleinen Kindern.

Wer sein Gefühl im Moment wegdrückt, verliert Lebendigkeit. Das Denken verändert sich, auch unabhängig von der Situation, und man ist nicht mehr authentisch und frei. Das fängt schon in der Jugend an, wenn man in der Schule das erste Mal abgelehnt wird. Da fängt man an, sich anders zu fühlen, sich anders zu erleben und anders zu denken.

Wenn wir jetzt wieder anfangen mitzubekommen, was wir eigentlich fühlen, wartet eine zweite Falle. Kommt die Wut hoch, fangen wir an, alle anderen anzuklagen, und landen in einer Opfermentalität. Kommt die Traurigkeit hoch, landen wir im Selbstmitleid. Das ist dann wieder das Nacherleben der Kindheit, und es sind alles kindliche Muster. Was wir wollen, ist etwas anderes: das Gefühl ganz erleben und danach, wenn es ausgelebt ist, vollkommen erwachsen sein.

Manchmal gehört dazu, laut zu schimpfen und vor allem das Gemeine zuzulassen. Die Wortwahl des Gemeinen, des Fiesen, des Hinterlistigen und Ungerechten ist heute unsere Möglichkeit für das, was früher der aggressive Kampf war. Das ist eine sehr, sehr starke Energie. Wichtig ist, sich darin nicht zu verlieren und nicht zu glauben, dass es die wirkliche Wahrheit ist. Und danach nicht Stunden, Tage oder Wochen herumzulaufen und sich über alles zu beschweren. Das machen nämlich ganz viele, und das wollen wir auf gar keinen Fall. Diesen Unterschied muss man sehr genau sehen. Das Gefühl darf gefühlt und erlebt werden, und manchmal muss es auch ausgedrückt werden. Das Beschweren hinterher ist kein Gefühl mehr. Es ist eine Geschichte, die wir uns immer wieder erzählen.

Mein Vorschlag fürs Autofahren: Wenn die Fenster oben sind und niemand neben dir sitzt, lass die Wut und das Gemeine, auch das Asoziale, das in dir ist, voll raus. Schimpf. Viele machen das ganz von selbst, und das sollte man auf gar keinen Fall aufgeben. Im Fußballstadion geht das übrigens auch. Dort darf man sich von einer Seite zeigen, die man sonst versteckt.

Danach, wenn die Wut weg ist und wenn es passt, kommt der zweite Teil. Fang an, ein bisschen zu reflektieren. Meistens muss man das gar nicht groß psychologisieren. Fang einfach wieder an, über dich zu lachen und dich nicht so ernst zu nehmen. Das ist der beste Vorschlag, den ich Menschen geben kann. Dann such die Versöhnung, die Liebe und das Verständnis. Und schau mit Aufmerksamkeit hin: Bin ich gerade sehr gestresst? Wie kann ich im Alltag etwas gelassener sein?

Es ist ein schmaler Grat. Natürlich will man auch verbessern, wie man von außen wahrgenommen wird. Aber bleib dabei ehrlich und authentisch, erlaube dir Dinge und vertrau darauf, dass die Menschen dir verzeihen und dich deswegen nicht sofort ablehnen.

Ende der Leseprobe

Einer der ersten 50 sein.

STIMMIG. soll zur Weihnachtszeit 2026 erscheinen. Die ersten 50 vollständigen Anmeldungen bekommen ein kostenfreies Exemplar zugeschickt.

Wenn du eine persönliche Widmung möchtest, kannst du mir zusätzlich ein paar Sätze dazu schreiben, was dich gerade beschäftigt, wohin du dich entwickeln möchtest oder was Persönlichkeitsentwicklung für dich leisten soll. Dann kann ich in der Widmung darauf eingehen.

Die Widmung ist freiwillig. Deine postalische Anschrift brauche ich nur für die Organisation dieser Buchaktion und den möglichen Versand.

Die Leseprobe als EPUB.

Du kannst dieselbe Leseprobe als EPUB herunterladen und in Apple Books, auf anderen E-Readern oder auf einem Kindle lesen.

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Bis zu dieser Autobahn ist es für Tim ein weiter Weg. Er führt durch einen Sommer, in dem sein Leben auseinanderbricht, zurück in ein Kinderzimmer der Siebziger und zu einem Lehrer in Berlin. Und hinter der Autobahn ist er noch lange nicht zu Ende.

„STIMMIG. Die Kraft der Gefühle“ von Andreas Ebert ist derzeit in Vorbereitung.

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